man playing soccer game on field
Foto: Emilio Garcia

Über Stadionwurst, politische Entscheidungen, was sie für den Sport bedeuten und wen sie treffen

Um gleich zu Beginn Missverständnisse zu vermeiden: Ich mag Fußball. Auch wenn ich von anderen Sportarten möglicherweise mehr vestehe. Ein beinharter Ligafan bin ich nicht und ich habe keinen "eigenen" Verein, dem ich die Treue halte, egal wie mies der kickt. Aber ich mag das Spiel und leide mit den echt liebenden Fans jedes Wochenende mit.

Und es ist kein Mythos, es ist eine Tatsache: Nirgendwo schmeckt eine Bratwurst vom Grill besser als vor dem abendlichen Flutlichtspiel im Stadion. Oder in der Pause, aber wegen des Andrangs empfehle ich das nicht. Und nein, ich werde hier kein Rezept für eine Bratwurst posten, denn der Geschmack der Stadionwurst kann definitiv nicht kopiert werden. Ich hab auch gar nicht den richtigen Senf dafür. Im Stadion gibts jedenfalls keinen Dijon dazu. (Zum WM-Austragungsland Mexiko kann ich etwas auftischen.)

Doch die Schattenseiten der "Fankultur" kann ich nicht verdrängen. Wir sehen sie an jedem Bundesligaspieltag in den Stadien, wir lesen und hören davon nach jedem Spiel: Polizeihundertschaften in Nahkampfmontur, Pyrotechnik, Schlägereien, Verletzte, zerstörte Zugwaggons, Attacken gegen Mannschaftsbusse, Betrunkene, die jegliche Kontrolle verlieren, sexuelle Belästigungen in den Rängen – die Liste ist noch sehr viel länger.

Klar: Die Choreos der Fanblöcke sind bewegend. Wenn Fans zusammenhalten und gemeinsam agieren, sind sie groß. Die Atmosphäre der Geisterspiele während der Pandemie war deprimierend. Aber die unangenehm martialischen Auswüchse in vollen Stadien halten mich seit Jahren davon ab, ein Erst- oder Zweitligaspiel mal wieder live dort zu erleben. Und von der Stadionwurst.

Dortmunder Stadion April 2019, der ganz normale Wahnsinn - Foto: Waldemar Brandt

Die Entwicklung des Fußballs seit Einführung der UEFA Champions League hin zur Gigantomanie jedes einzelnen internationalen Spiels (Hymnen, Fanfaren, Riesenglitzerkonfetti...), immer größeren Stadien, befeuert auch von den Anforderungen der FIFA an diese Stadien, um internationale Wettbewerbe ausrichten zu können - wo soll es noch hinführen?

Nun erstmal zu einer absurd aufgeblähten Weltmeisterschaft vom 11. Juni bis 19. Juli 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Drei Austragungsländer, zwölf Gruppen, 104 Spiele in 16 Stadien und Anstoßzeiten zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens Ortszeit. Und wir dachten schon, Fußball in der Wüste sei Mumpitz.

Aktuell wird wegen der faschistischen Entwicklung in den USA vermehrt ein Boykott der Welstmeisterschaft dort gefordert. Zunächst einmal: Es wird keinen Boykott geben. Die Strukturen und Personen, die Gianni (Giovanni Vincenzo) Infantino ermöglichten und ihn im Februar 2016 zum Präsidenten des Weltfußballverbandes FIFA als Nachfolger von Sepp Blatter wählten, werden sich zehn Jahre später nicht gegen ihn wenden. Auch der DFB nicht.

Und was haben wir Infantino bislang alles zu verdanken: Die sinnfreie Klub-Meisterschaft, den FIFA-Arabien-Pokal und die Aufstockung der Herren-WM auf 40 Teams – alles im Sinne der Kommerzialisierung und der Funktionäre, ohne Rücksicht auf die Mannschaften, die Sportler, Vereins- und Nationalstrainer. Und nicht zu vergessen: ein strunzdämlicher FIFA-Friedenspreis. Auf zukünftige Preisträger bin ich gespannt.

Aber gäbe es einen Boykott, was würde dieser bewirken und vor allem: Wen würde er treffen?

Am Beispiel Leichtathletik: Während des Kalten Kriegs gab es bereits politisch motivierte Boykotte. Das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland beschloss im Frühjahr 1980, nicht an den Spielen in Moskau teilzunehmen. Eine Funktionärsentscheidung ohne Rücksicht auf Sportler*innen.

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979, hatten die USA unter Präsident Jimmy Carter verschiedene Embargos beschlossen sowie den möglichen Boykott der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Das US-amerikanische Nationale Olympische Komitee stimmte dafür. Kurze Zeit später schlossen sich neben der Bundesrepublik Deutschland weitere Staaten an, darunter Kanada, Japan und Norwegen.

Sportler*innen, die ihre jahrelangen Planungen und ihr gesamtes Training auf den Start bei Olympia ausgerichtet hatten und sich nun kurz vor dem Wettbewerb auf ihrem Leistungshöhepunkt befanden, hatten sich vergeblich vorbereitet.

Dass am Ende doch über 80 Nationen teilnahmen, machte nur die Sportler*innen der boykottierenden Nationen zu Leidtragenden. War es fair, den eigenen Leuten die Teilnahme zu verwehren, während Neuseeland, Australien, Großbritannien, Portugal, Spanien und viele mehr Chancen auf Medaillen bekamen? Die DDR nutzte ihre Teilnahme für umfassende Propagandamaßnahmen, die den sozialistischen Erfolg hervorheben sollten.

1984 dann boykottierte Moskau die Sommerspiele in Los Angeles. Was in Moskau beschlossen wurde, musste auch in der DDR umgesetzt werden. Erneut waren es die Sportler*innen, die verloren. Vom damaligen Ostblock nahmen nur Rumänien und Jugoslawien teil.

Die Sportkaderschmieden des Ostblocks sind nicht mit den Strukturen des damaligen Bundessports vergleichbar. Im westlichen System wäre eine solche Konzentration auf eine Sportart in einem Zentrum nicht möglich gewesen, da die Vereinsarbeit – auch die der Trainer – überwiegend ehrenamtlich durchgeführt wurde und wird. Was sollte diese Ehrenamtlichen noch motivieren, wenn aussichtsreiche Talente regelmäßig aus dem eigenen Verein abgeworben würden, um in einer auf eine Sportart konzentrierten Kaserne zu trainieren? Darüber hinaus widmet sich die Vereinsarbeit bis heute dem Breitensport. Nur wenige, finanzkräftig gesponserte Vereine können Leistungssport auf Medaillenniveau realisieren.

In der DDR wirkten Berufsfunktionäre, im Westen gab es ehrenamtliche Verbandsleitungen. Dort gab es staatlich angestellte Übungsleiter, die bereits in Schulen nach Talenten suchten und die besten von ihnen in eine der 20 Sportschulen für Kinder und Jugendliche steckten. Hier gab es Breitensport und Ehrenamt.

Nach ihrer Zeit in der Sportschule wurden die DDR-Talente in Leistungszentren untergebracht. Alles war staatlich geregelt und überwacht. Inzwischen ist erwiesen, dass viele Sportler*innen jahrelang ohne ihr Wissen Dopingpräparate einnahmen, mit langfristigen Folgeschäden für ihr gesamtes Leben. Doch aus Sicht der DDR-Athlet*innen wurden sie umfassend versorgt: Sie erhielten Studienplätze, Ausbildungen und Festanstellungen mit Gehältern, ohne dafür arbeiten zu müssen. Im Westen gab es Beihilfen und Zuschüsse von der Deutschen Sporthilfe. Jugendliche Hochleistungssportler*innen hatten Zukunftssorgen und mussten Training und Ausbildung gleichermaßen stemmen.

So ungleich die Systeme waren: Die Sportler*innen des Ostblocks wurden 1984 genauso um die lang anvisierte Teilnahme am Wettkampf betrogen wie die des Westens 1980. Ein Boykott ergibt von keinem Standpunkt aus betrachtet und zu keinem Zeitpunkt Sinn. Obwohl politisch motiviert, bewirkt er politisch nichts. Opfer von Machtspielen und Funktionärsentscheidungen sind nur Sportler*innen, Hoffnungen und Träume.

Was die olympische Bewegung und den Wettbewerb wirklich veränderte, war die Amtszeit von Juan Antonio Samaranch an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees. Olympiagründer Baron de Coubertin rotiert wahrscheinlich seit Jahrzehnten im Grab, bei dem, was von seiner Idee geblieben ist. Samaranch führte ein exklusives Sponsoringsystem ein, kommerzialisierte die Spiele und machte sie zu der Großveranstaltung, die wir heute kennen. Er ermöglichte Profisportler*innen die Teilnahme, nachdem es zuvor sommers wie winters ein Wettkampf von Amateuren war.

Zurück zum Fußball: Würde sich durch einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft etwas ändern an der Weltunordnung und den zahlreichen Brandherden? Wenn einzelne Nationen ihre Fußball-WM-Teilnahme absagen, ändert das gar nichts. Es hätte weder Einfluss auf die Entwicklung in den USA noch würde es zum Ende eines Krieges führen. Es würde nur den Sportlern und dem Sport schaden. Wer gesehen hat, wie sich das Team Kap Verde über seine erste WM-Qualifikation gefreut hat, dem muss das Herz brechen, wenn diese Spieler nun nicht teilnehmen dürften. Oder Curaçao, der WM-Debütant und statistisch kleinste WM-Teilnehmer, in einer Gruppe mit Deutschland.

Ob Fans zum Turnier in die USA reisen, müssen sie selbst entscheiden. Ich halte es für keine gute Idee, denn dort ist niemand mehr sicher. Um Korrespondent*innen und Journalist*innen aus aller Welt mache ich mir jetzt schon Sorgen. Abgesehen von den Einreiseverboten für Fußballer und Betreuende aus verschiedenen Teilnehmerländern.

Ich möchte dennoch weiter daran glauben, dass auch diese Fußball-WM, deren Auslosung der Gruppenphase ein solch unwürdiges Theater und abgründiger Firlefanz war, einige der Geschichten liefert, die jedem Fußballfan das Herz aufgehen lassen.

Geschichten, die eben nur der Fußball hergibt, weil Tragik und Magie gleichzeitig passieren, wie beim 7:1 gegen Argentinien. Das "sete a um" ging als Phrase in die Landessprache ein und wurde zum Synonym für ein desaströses Scheitern – sei es im Sport, in der Politik oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Oder die Vier-Minuten-Meisterschaft des FC Schalke 04 am 19. Mai 2001, die gleichermaßen Fanherzen brach und eroberte - "Meister der Herzen".

Was war es für ein Fußballwunder, als Otto Rehhagel, einer der erfolgreichsten Bundesligatrainer, mit Griechenland Europameister wurde. Kaum jemand hatte ausgerechnet auf die "Helenen" gewettet. Doch im Endspiel gegen Gastgeber Portugal genügte im Sommer 2004 das goldene Tor zum 1:0 von Stürmer Angelos Charisteas, der mit Werder Bremen zuvor Deutscher Meister geworden war.

Meine wunderbare Lieblingsgeschichte 2025: Die des schwedischen Fußballmeisters Mjällby. Der Verein des Fischerdorfs Hällevik mit 1.485 Einwohnern wurde mit 20 Siegen in 27 Ligapartien völlig überraschend Meister. Im Nachbarort und Namenspaten Mjällby leben noch weniger Menschen, 1.379.

Fußball und Emotionen werden bereits seit 1927 durch Kommentator*innen während des Spiels vermittelt. Das "gefallene Tor" beim Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund 1998 wäre ohne den Kommentar des wunderbaren Marcel Reif mit Günther Jauch kaum noch in Erinnerung. Das bereits erwähnte 7:1 ist mit der unverwechselbaren Stimme Béla Réthys verbunden. Und "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen! Rahn schießt - TOOOR! TOOOR! TOOOR! TOOOR!" ist im kollektiven Ewigkeitsgedächtnis.

Wie es weitergeht mit diesem feinen Sport und seinen Emotionen? Wer weiß. Mit der bedeutenden Richtungsänderung, der Einführung der Champions League zur Spielsaison 1992/93, war die bis dahin recht übersichtliche Ordnung der Wettbewerbe vorbei. Der bis dahin durchgeführte Europapokal der Landesmeister war Geschichte.

Ein wichtiger Spieler der Partie war das sich gerade etablierende Privatfernsehen. Die Erfinder der Champions League, die Marketingexperten Klaus Hempel und Jürgen Lenz, verstanden die Rolle der Übertragungsrechte, um aus einem internationalen Wettbewerb einen wirtschaftlichen Erfolg zu machen.

Wer sich nun fußballnostalgisch zurücksehnt nach der Zeit vor 1992: Dem Fußball in Deutschland und Europa ging es nicht gut. Er genoss kein großes Ansehen, das Image war im Tabellenkeller. Viele Stadien waren sehr renovierungsbedürftig bis nicht mehr zu retten, es fehlte Geld. Den Verantwortlichen in den Vereinen und Verbänden war sicher klar, dass mit Vermarktung eines internationalen Wettbewerbs welches fließen würde, wenn die Teilnahme erst gesichert war.

Zuerst nahmen am Wettbewerb nur Meistermannschaften teil, wie früher beim Pokal der Landesmeister. Reformen 1997 und 1999 änderten dies. Auch der Europapokal der Pokalsieger endete. Wirtschafliche Interessen lenken den Wettbewerb, nicht sportliche.

1995, kurz nach der Einführung der Champions League, hatte ich die Möglichkeit, die Frage mit dem stets besonnenen Harry Valérien zu diskutieren. Dabei ging es nicht nur um Fußball, aber um Profisport generell. "Was ist das für eine Entwickung?" fragte ich und seine Antwort war weise: Er meinte, dass aus dem Profisport das geworden war, was aus ihm werden musste. Die Show? Das Theater? Die damals bereits gigantischer werdenden Veranstaltungen, ob Leichtathletik oder Wintersport oder Fußball - Sportler waren seiner Meinung nach die neuen Gladiatoren unserer Zeit geworden. Allerdings stammt von ihm auch die Aussage, dass Verbände für Sportlerinnen und Sportler da sein müssen, nicht umgekehrt. Ja, nun...

Ein Jahr zuvor hatte ich am Rande einer Veranstaltung die Gelegenheit, Alex Ferguson zu treffen und beim Whisky einen langen Abend mit ihm über Fußball zu reden - und nur über Fußball. Seine Haltung zum Spiel, zu seiner Aufgabe als Trainer, zur Legende Manchester United: Ich hätte ihm noch Stunden zuhören können, denn der Sport ist natürlich mehr als dessen Funktionäre. Es geht um Seele und Tradition. Um pure Leidenschaft. Gladiatoren? Möglich, aber wenn sie kämpfen, dann sich in unsere Herzen.

Nutzen wir also trotz allem die Chance zur Zerstreuung und schauen aus Liebe zum Spiel auch die Übertragungen dieser Fußballweltmeisterschaft. Vielleicht geschehen ja Wunder.

Aber zunächst: Im Februar Olympische Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo, nach 1956 und 2006 zum Dritten Mal in Italien. Es gibt acht Austragungsorte, an denen auf Nachhaltigkeit geachtet wurde und, statt neu zu bauen, die Wettkämpfe in bestehenden Sportstätten stattfinden.

Moment. Acht ... ?! Ach herrje.

Cortina d'Ampezzo, warten auf Schnee und Skispringer. - Foto: Zdeněk Macháček