Music in the forest
Foto: Frame Harirak

Umlungu omnyama - die schwarze weiße Person

Johnny Clegg ist am 16. Juli 2019 im Alter von 66 Jahren verstorben. Musiker, Sänger, Tänzer, Anthropologe und Aktivist - ein Gigant. Für mich war eine moralische Instanz, seit ich ihn Anfang der 1980ger Jahre zum ersten Mal im Radio hörte und zu recherchieren begann. Machte da ein weißer Engländer mit Schwarzen gemeinsam Musik? Lebte er im Exil und kritisierte die Apartheid von außen? Nein, er war Südafrikaner. In Südafrika. Riskierte er nicht sein Leben, wie jeder, der die Regierung kritisierte?

Das rassistische Apartheid-Regime einer weißen Bevölkerungsminderheit verweigerte der afrikanischen Mehrheit die Menschenrechte. Systematisch durchdrangen und regelten die Gesetze der Rassentrennung jeden Bereich des Lebens und sollten auch eine territoriale Trennung der Bevölkerungsgruppen herbeiführen. Für die schwarze und sogenannte farbige Bevölkerung entstanden eigene Wohngebiete. Schwarze Arbeiter, die vom Land in die Stadt kamen, wurden in Ghettos gepfercht. Die weißen Arbeitgeber errichteten Baracken, in denen außerhalb der Arbeit ihr ganzes Leben stattfand (Hostels). Deren Bewohnern war es gesetzlich strengstens untersagt, die Wohngebiete der Weißen zu betreten. Weiße durften sich ebenso wenig nahe der Hostels und Townships aufhalten. Jedes Zusammensein war verboten - ein Verbrechen.

Im Juni 1976 kommt es im Township Soweto zum Aufstand von Schülern und Studenten, die gegen das Bildungssystem demonstrieren. Die Demonstration wird vom Regime niedergeschossen, hunderte Schüler sterben. Südafrika wird nun von der Weltgemeinschaft isoliert. Als erstes wird ein Embargo für Erdöl und Waffen in Kraft gesetzt. Südafrikanische Kunst- und Sportereignisse wurden boykottiert.

Johnny Clegg widersetzte sich der staatlich angeordneten Trennung bereits im Alter von 12 Jahren. Er beherrschte als Sohn einer Jazz-Sängerin schon die klassische Gitarre, mochte irische und schottische Folklore, interessierte sich aber mehr für Straßen-Gitarren-Musik der Zulus, Maskanda. Mit ihrem charakteristischen Sechsachteltakt in Moll klingt sie melancholisch und doch schwungvoll und übermütig. Als Teenager verbrachte Clegg verbotenerweise viel Zeit mit dem schwarzen Arbeiter Charlie Mzila, der ihm Kultur, Sprache und Tänze der Zulu nahe machte.

Mit 16 Jahren begegnete er dem autodidaktischen Musiker Sipho Mchunu. Sie traten unter Umgehung aller Gesetze und Restriktionen als Johnny und Sipho auf, wo es irgendwie möglich war: in privaten Räumen, kleinen Clubs, Kirchen. Natürlich wurde er regelmäßig von der Polizei aufgegriffen, landete im Gefängnis oder wurde seiner Mutter übergeben. Kultur und Sprache der Zulu faszinierten ihn so sehr, dass seine alleinerziehende Mutter sich Sorgen machte - der junge Johnny hatte kurz vor seinem Schulabschluss keine weißen Freunde mehr. Er lernte die Sprache isiZulu, trainierte die rituellen Tänze und wurde zum besten Tänzer seines Clans.

Mehr als ein dutzend Mal wurde er verhaftet. Seine Mutter befürchtete, dass sie eines Tages beide deportiert werden könnten, was selbst für die autoritären Behörden problematisch geworden wäre. Denn Cleggs Mutter besaß den rhodesischen Pass, Johnny aber einen britischen, da er in der Nähe von Manchester geboren wurde. Ihre eigenen Eltern, die eine Farm besaßen in Simbabwe (dem damaligen Südrhodesien), hatten die musikalischen Ambitionen ihrer Tochter nie unterstützt. Sie arbeitete beim Platten-Label Columbia und vermarktete dessen Jazz- und Rockalben. Wie hätte sie ihren Sohn entmutigen können? Stattdessen musste er, wann immer er sich zum Trainieren mit seinen Zulu-Freunden im Hostel traf, ein Schreiben der  South African Folk Music Association bei sich haben. Damit sollte die Polizei überzeugt werden, dass Johnnys Anwesenheit bei den Schwarzen grundsätzlich und vollends unpolitisch war.

Clegg sagte in einem Interview, er habe sich schuldig gefühlt, weil er Weißer war, und wollte nicht Teil des Systems sein - also habe er isiZulu gelernt. Seine Mutter konnte ihn zum Studium an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg  überreden. Er wurde Anthropologe und spezialisierte sich natürlich auf die Bevölkerungsgruppe der Zulu.

Und unter dem Regime, das es einem Weißen und einem Schwarzen strikt untersagte zusammen zu sein, gründeten Sipho und er mit anderen Musikern eine vielfarbige Band:  Juluka (isiZulu für Schweiß) - ein Affront. Sie lernten und arrangierten Zulu-Lieder und nahmen 1976 ihre erste Single auf.

Mit Impi veröffentlichten Juluka ein Lied vom Sieg der schwarzen Zulu-Krieger über die weißen britischen Besatzer bei der Schlacht von Isandhlwana 1879.

Impi live in Kapstadt

Zwangsläufig wurden Mitglieder seiner Band ständig angehalten, durchsucht und festgenommen. Bewaffnete Polizisten stürmten immer wieder die Bühne und räumten den Saal  mit Tränengas und Hunden. Außerhalb von Johannesburg war es einfacher, die Gesetze zu umgehen. In den Townships Alexandra, Sebokeng und Soweto fand die Band ihr Publikum. Die Platten verkauften sich gut. Großen Anteil an Johnny Cleggs musikalischer Karriere hat der mutige und beherzte Produzent Hilton Rosenthal, der eine gemischtrassige Band im eigenen Tonstudio aufnehmen ließ, obwohl er dafür im Gefängnis landen konnte.

1981 stellte sich zwar ein kommerzieller Erfolg ein, aber Sipho arbeitete weiter als Gärtner, Johnny als Dozent an der Universität. Unter den herrschenden politischen Umständen konnten sie sich nicht vorstellen, als professionelle Musiker ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Mit dem vierten Album, Scatterlings, wurde die Band international bekannt und landete mit dem Titelsong Scatterlings of Africa auch in meiner Welt. Alles an Johnny Cleggs Musik war Fusion, Integration, Vereinigung und Respekt, ein selbstverständlicher Mix afrikanischer Kultur mit keltischen Volksmusikeinflüssen, isiZulu und Englisch. Johnny Cleggs Musik überwand Grenzen, statt Gräben zu ziehen und wurde zur Begleitmusik der Anti-Apartheid-Bewegung. 1982 und 1983 tourt die Band zum ersten Mal außerhalb Südafrikas mit Auftritten in den USA, Kanada, Norwegen und Westdeutschland.

Scaterlings of Africa - Yum bo ham yu ham bo ham...

Sipho Mchunu wollte Gärtner und Bauer bleiben und konnte sich nicht mehr vorstellen, weiter auf Tournee zu sein. Er beendete seine Musikerlaufbahn ein Jahr nach dem großen Erfolg von Scatterlings.

Im darauffolgenden Jahr verhängte Staatspräsident Botha den Ausnahmezustand. Sein Regime missbrauchte die Volksgruppe der Zulu, um den schwarzen Widerstand zu spalten und zu brechen. Bis zum Ende des Jahrzehnts fielen tausende Südafrikaner den Angriffen der Armee und den Gewaltausbrüchen zum Opfer. Geschätzte 40.000 Menschen wurden verschleppt und inhaftiert. Die Wirtschaftsembargos und Boykotte hatten für das Regime mittlerweile spürbare wirtschaftliche Auswirkungen.

Die Spannungen im Land stiegen, es herrschte Bürgerkrieg. Die Volksgruppen waren verfeindet, die Nation tief zerrissen und gespalten. Johnny Clegg dachte, dass es nichts gab, das Weiße, Farbige und Schwarze noch gemeinsam hätten, etwas, dass sie verbinden könne. Jahrzehnte später beschrieb er in einem Interview:

"Ich empfand Hoffnungslosigkeit, ich fühlte mich gelähmt, verzweifelt. Es gab diese beiden gegnerischen Interessensgruppen - die staatliche Polizeigewalt und junge, militante Schwarze - und keine Seite war bereit, nachzugeben. In Südafrika hatte es immer eine heimliche, unsichtbare Basis gegeben, einen Mittelweg, auf dem Menschen und Kulturen sich verbinden und verständigen konnten. Diese Möglichkeit wurde geradezu eingeäschert. Musik war die wirkungsvollste Art, mit meinen Gefühlen umzugehen. Mein Versuch, zu verstehen was passierte."

Clegg gründete mit dem Sänger und Tänzer Dudu Zulu seine zweite Band, Savuka (Wir erheben uns). Die Lieder, die er in seiner Verzweiflung schrieb, wurden zu Savukas erstem Album, Third World Child, in dem jeder Liedtext ein Dokument des Zeitgeschehens ist. Auf der Suche nach verbindenden Elementen hatte Clegg etwas gefunden, dass diese Generation gemeinsam hatte - niemand von ihnen, gleich welcher Hautfarbe, hatte jemals den seit bald einem viertel Jahrhundert inhaftierten Nelson Mandela zu Gesicht bekommen. Es war verboten, Abbildungen von ihm zu zeigen oder seinen Namen auszusprechen. Asimbonanga - Wir haben ihn nicht gesehen.

Clegg nannte nicht nur Nelson Mandela namentlich. Auch Steve Biko, Neil Agget und Victoria Mxenge - Menschen, welche die Nation hätten vereinen können. Drei ermordet, der andere inhaftiert. Obwohl selbst entmutigt, hatte er doch eines der hoffnungsvollsten Lieder des Albums geschrieben.

Sofort nach Veröffentlichung des Albums wurde die Aufführung von Asimbonanga in Südafrika verboten. Die Polizei fiel mit einer Razia über einen Radiosender her, der es wagte, das Lied zu spielen. In Europa wurde Asimbonanga Savukas größter Hit. Der Klang der Band war rockiger und elektronischer als der von Juluka. Für den energiegeladenen Tänzer und Sänger begann die erfolgreichste und einflussreichste Zeit als Musiker.

In Frankreich war die Band Ende der 80ger Jahre so erfolgreich, dass die Ticket-Verkäufe zu organisatorischen Problemen führten. Es waren Hallen für 2.000 bis 5.000 Besucher gebucht, doch der Vorverkauf sprengte alle Pläne: Allein in Lyon wurden 40.000 Tickets verkauft. Im Pariser Zenith spielten sie zwei Wochen jeden Abend vor ausverkauftem Haus, 14 Shows.

One (Hu)Man, One Voice - It's the only way!

Um Geld für Anti-Apartheid-Vereinigungen zu sammeln, veranstalteten die britische Anti-Apartheid-Bewegung und der Künstlerzusammenschluss Artists Against Apartheid  im Juni 1988 ein Konzert anlässlich Mandelas 70. Geburtstag. Vom frühen Mittag bis zum Abend traten die zu dieser Zeit in aller Welt bekanntesten Künstler im Londoner Wembley Stadion auf, mehr als 60 Acts. Rock-, Jazz- und Folksmusiker, Sänger, Schauspieler, Komiker, Tänzer - Auftritt folgte auf Auftritt vor 72.000 Menschen im Stadion und rund einer Milliarde Zuschauern der Life-Übertragung weltweit.

Johnny Clegg und Savuka waren unerwünscht. Ausgerechnet der Künstler, der seit seiner Kindheit aufrecht gegen das Apartheid-Regime eintrat? Viele Titel von Savuka durften im staatlichen südafrikanischen Rundfunk nicht gespielt werden und die Band wurde vom Apartheid-Regime von öffentlichen Auftritten verbannt. Künstler, unter anderen Elton John, Queen, Dolly Parton, Frank Sinatra oder Cher missachteten den Boykott und traten für hohe, vom Apartheid-Regime gezahlte Gagen in Südafrikas Vergnügungs-Ressort Sun City auf. Aber der erste Musiker, der unter der Apartheid eine gemischtrassige Band gründete, sollte beim Konzert für Mandela in London nicht auftreten dürfen.

Die Begründung der britischen Musikergewerkschaft: man kämpfe ja gegen die Apartheid und eine Band, in der Schwarze und Weiße zusammen auftreten würden, wäre für das Publikum unglaubwürdig. Die Gewerkschaft und die britische Anti-Apartheid-Bewegung boykottierten damit Savukas möglichen weltweiten Erfolg.

Die Band machte weiter. 1989 endete Bothas Zeit als Staatspräsident. Nachfolger Frederik de Klerk hob das Verbot des ANC auf und entließ Nelson Mandela 1990 aus der Haft. Aber die politischen Unruhen im Land dauerten an.

1992 wird Dudu Zulu, Tänzer und Sänger, Mitbegründer der Band, auf dem Heimweg erschossen. Der Tod seines Freundes und Bruders trifft Clegg hart. Ihm ist auf der Bühne ohne Dudu, als fehle ein Teil seines eigenen Körpers. Die Band ist dennoch weiter auf Tournee. Auf dem vierten Album Heart, Dust an Dreams, widmet Johnny Clegg dem getöteten Freund das Lied The Crossing.

Osiyeza -The Crossing

Johnny Clegg bekämpfte die Rassentrennung mit Musik. Der Tod Dudu Zulus, die Freilassung Mandelas, das Ende der 40 Jahre dauernden Apartheid und die ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 beenden das Projekt Savuka. Es gehörte in die vordemokratische Zeit des Landes.

Mit seinem Freund Sipho bringt er noch einmal zwei gemeinsame Alben heraus, Krokodile Love und  Le Rock Zulu von Johnny Clegg & Sipho. Danach widmet er sich Soloprojekten. Weiterhin tourt er mit seiner Band, die meisten Mitglieder frühere Savuka Mitstreiter. Eines seiner auch für ihn emotionalsten Bühnenerlebnisse trifft ihn in Frankfurt 1999. Während er das Konzert mit Asimbonanga eröffnet, erscheint auf einmal Nelson Mandela auf der Bühne - auch für die Musiker überraschend.

Asimbonanga -Asimbonang' u Mandela thina

Sein erstes Soloalbum erscheint 2002, New World Survivor. 2015 erkrankt er an Bauchspeicheldrüsenkrebs, der zunächst gut behandelt werden kann. Nachdem es ihm besser ging, geht er 2017 noch einmal auf Tournee mit Auftritten in den USA, Kanada, London und natürlich zu Hause in Süafrika: The final Journey.

Wohlwissend, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet, nimmt der visionäre Crossover-Musiker Abschied und sein Publikum mit auf eine eindrucksvolle Reise durch die zurückliegenden 40 Jahre. Seine Musik, seine Karriere - untrennbar verbunden mit der Geschichte Südafrikas.

Zuletzt singt er während der Show seiner letzten Reise im Duett mit seinem jüngeren Ich: im Bühnenhintergrund läuft das Video mit dem zu Asimbonanga tanzenden Mandela 1999 und der 64-jährige Clegg spielt und singt dazu 2017. Ein bewegender Abschluss seines bedeutenden Lebens auf und neben der Bühne.

Das Apartheid-Regime hatte argumentiert, dass die Rassen aufgrund biologischer Verschiedenheit, unterschiedlichen Kulturen und Genen getrennt sein müssten. Johnny Clegg hielt dagegen:

"...mit unumstößlichen, gusseisernen Beweisen für das Gegenteil."

Sein lebenslanger Freund Sipho sagte nach Cleggs Tod:

"Mein Verstand ist aus dem Takt, mein Herz ist aus dem Takt. Ich habe nicht nur einen Freund verloren. Er bedeutet alles für mich."

Ngikulalele - ich habe Dir zugehört. Danke für die Musik, Johnny Clegg, ruhe in Frieden.