THE WACKEN EXPERIENCE

Wacken. Wessen Idee war DAS eigentlich?! Ein Jahr zuvor hatten wir bei einem unmotivierten Sommerfest unseres Arbeitgebers gesessen. Ein Kollege sah mit dem Tablet surfend, dass es online ab sofort oder wieder oder noch Tickets gab. Nach kurzer Überlegung stand fest: wir fahren nach Wacken 2013. Anfang August. Yeah!

Kurz vor Anfang August des Jahres wachsen unsere Zweifel - wollen wir eigentlich dahin? Warum nur - wessen Idee war das bloß… Aber wir ziehen es durch, inklusive aufwändiger Planung und Logistik für uns vier beteiligte Kolleginnen und Kollegen.

Wir sind also zu viert - haben ein Zelt für sechs. Wir haben: einen Grill und Holzkohle,  einen Gaskocher und Gas und Kochgeschirr für Gaskocher. Camping-Geschirr und Besteck für vier. Jeder hat Schlafsack, Matte oder Luftmatratze und einen prall gefüllten Rucksack oder diverse Taschen. Wir haben eine Klappgarnitur mit Tisch und vier Sitzgelegenheiten, einen Stuhl. Wir haben 24 1,5 L Wasserflaschen. Wir haben eine Kühlbox mit Grillkram, zwei Toastbrote, Knäckebrot und Zwieback für die Schlachtverpflegung einer Armee sowie - falls es knapp werden sollte mit den Brotvariationen - drei Packungen Müsliregel. 20 Eier. Gurken, Tomaten, Äpfel.

Wir haben sogar Kaffee für die Camping-Stempelkanne zum „richtig“ Kaffee kochen (Gaskocher, Kochgeschirr...) Wir haben Schmierkäse, der ohne Kühlung haltbar ist, Margarine sowie auf einzelnen Wunsch eine Dauerwurst ('ne ganze Salami?!...) Wir haben vier Pfund Nudeln und Pesto. Auf meinen Wunsch auch Parmesan. Windlichter (Glas, eigentlich verboten auf dem Festivalgelände), großes Messer (verboten - womit sollen wir denn sonst die Salami schneiden?!....), Hammer (Zelt - Heringe - Boden - trocken - steinhart.....). Mein Taschenmesser - never leave home without it. Wir haben insgesamt, glaube ich, drei Picknickdecken. Wir haben einen Mietwagen. Wir haben sie nicht alle.... Wessen. Idee. WAR DAS?!?!

Mittwoch

Irgendwie ist der Wagen dann nach mehrfachem Umorganisieren der Ladung gepackt und wir sitzen drin. Kann losgehen. Und mindestens zwei von vieren fragen sich: Was mache ich hier eigentlich… Unser Fahrer fliegt wie immer sicher und vorwiegend links. Selbst die Kilometer kommen kaum noch mit. Mag sein, dass es daran lag: beim Anblick einiger Kräne am Horizont meint der Beifahrer vorne: „Sieht aus wie Hamburg.“ Hm, das IST Hamburg?! Das wird Folgen haben. Wir sind Kollegen und sehen uns fast täglich - die Applikation sieht komisch aus? Sieht aus wie Hamburg. Der Kunde hat einen Screenshot geschickt? Sieht ja aus wie Hamburg! Neue Startseite einer der Anwendungen, die wir betreiben? …

Wir lassen den Elbtunnel und Hamburg hinter uns und stehen schon bald im Wackenstau. „W:O:A“ auf sämtlichen Heckscheiben. Lustige Plakate auf Transportern: „Spacken go Wacken“, Pommesgabelhände zum Gruß aus offenen Autofenstern und selbst bei den Zweiflern in unserem Auto Ansätze von Festivalmodus. Die Anfahrt ins schleswig-holsteinische Wacken ist vorbildlich gut organisiert - es gibt nur ein Nadelöhr vor der Einfahrt auf unseren „Camping Ground“. Stoßstange an Stoßstange und links wie rechts kein Vorbeikommen, nicht mal übergewichtige Fußgänger hätten eine Chance. Was, wenn jetzt irgendein Fahrzeug nicht mehr anspringt? Es gäbe kein Vor und kein Zurück - aber wir kommen durch und werden gelotst zu der Stelle, an der wir bis Sonntag hausen werden. Diese Lotsen machen das tagelang 10.000-fach und sind immer noch freundlich.

Reihenfolge: Zelt und Pavillon hinterm Auto aufbauen, dann mit dem Ticket zwei, drei Kilometer zur Bändchenausgabe inklusive Ticketscan, Personalausweis nicht vergessen. Auf dem Weg müssen wir an anderen Camping Grounds des riesigen Areals vorbei - ein schauderhafter Anblick bei dem Bereich, der offenbar zuerst belegt wurde. Wie ist es möglich, innerhalb eines Tages ein Riesenareal einzusauen? Plastikflaschen- und Getränkedosenberge, ganze Sperrmüllsitzgarnituren unter Pavillons, seltsame Holzkonstruktionen mit Plastikplanen, Reste von kleineren Bränden. Wir verstehen es nicht - Festivalatmosphäre gleich zugemüllter Zeltplatz und Verbrennen der Campingausrüstung? Ich bin froh, dass wir erst am späten Mittwochnachmittag angereist sind, einen Tag vor dem offiziellen Programmbeginn. Wir haben Glück mit unserer netten Zeltnachbarschaft. Wir richten uns ein, grillen Steaks und Wurst und Fisch am ersten Abend. Meine Begleiter machen sich auf, das „Wackinger Village“ zu erkunden. Ich bin zu platt und mach es mir lieber auf der Isomatte fast bequem.

Das Wackinger Village ist zum einen eine Tränke (Met, Bier, roter Beerenwein namens Wackinger Blut und vieles mehr) und Fressmeile (Süßes, deftige Fleischspieße, vegetarische Leckereien). Das Angebot ist umfangreich und sollte jedem Appetit gerecht werden. Wer hier noch mosert, ist nirgends zufrieden. Die andere Attraktion des Village: 240 Rollenspieler - die Wackinger - liefern Show-Einlagen als Ritter und Wikinger. Bei diversen Spielen an den Buden und Aufbauten können Besucher ihre Sportlichkeit unter Beweis stellen - oder jämmerlich scheitern…

In der Nacht prasselt Regen aufs Zelt. Viel Regen. Unser Beifahrer vorne meint: das Festivalgelände wird vorbereitet… Nächtlicher, lautstarker Dialog aus dem Nebenzelt: „Ey, Walter! gehse jezz kacken?“ „Jo.“ Frauenstimme vom anderen Ende des Zeltplatzes, noch lauter: „Viel Erfolg!“. Wacken.

Donnerstag

Offizieller Programmauftakt und schönes Wetter. Die Sonne trocknet das Gelände. Beim Marsch durch die Wackener Weiden bin ich in einen Graben getreten - der seit Jahren ramponierte linke Fuß schmerzt, das Gelenk ist geschwollen. Für uns beginnt der Nachmittag mit Annihilator (nicht so toll, den anderen gefällts) und Thunder (mir gefällts, den anderen nicht so) und für mich mit einer Sitzgelegenheit. Viel besser!

Beim WOA liegen die beiden Hauptbühnen nebeneinander, direkt daneben eine dritte, kleinere. Darüber hinaus gibts zwei kleine Bühnen im Wackinger Village, eine weitere kleine Bühne im Biergarten vor dem Areal mit den Hauptbühnen. Tagsüber führt dies zum Klangbrei, je nachdem, wo man sich aufhält. Aber abends geht’s der Reihe nach, nicht gleichzeitig. Wir entscheiden uns für Deep Purple links, Black Stage, gefolgt von DEM Höhepunkt rechts, True Metall Stage - Rammstein! Auf dem Weg zur ungefähren Mitte zwischen beiden Bühnen verlieren wir unsere vierte im Bunde, die irgendwo im Getümmel anders abbiegt und vertrauen darauf, sie demnächst wohlbehalten wieder zu sehen. Mein Plan: für Rammstein in den hinteren Bereich zurück ziehen. Hah!…

Mein Gesangslehrer ließ mich in den 70-gern mit Golden Earring, Jethro Tull und eben Deep Purple üben - mit „Child in Time“ übte ich Oktaven und Tonartwechsel. Ich hab beim Konzert einen „Das ich das noch erleben darf“ Moment - Deep Purple, wow! Geschätzte 60.000 singen die Zugabe „Smoke on the Water“ - unfassbar. Die meisten waren doch nicht mal geboren, als der Song geschrieben wurde!

Die Masse wendet sich der rechten Bühne zu - die Wanderung hatte schon während des Deep Purple Auftritts begonnen. Wahrscheinlich war ich die einzige, die dies nicht gepeilt hat. Die Enge war so unvermittelt und drangvoll, dass mir schlagartig klar wird: hier komme ich nicht mehr weg. Rammstein Front of Stage?! Sch… Ich klage meinen Begleiter an: DAS wollte ich nicht. Ich suche den Notausgang. Zwecklos. Ich bin nie über die 1,69 m hinaus gewachsen und zu klein für Konzerte und Menschenmassen… Der Typ hinter mir sieht wohl meine besorgten Blicke in alle Richtungen schweifen und klopft mir unvermittelt lächelnd auf die Schulter. „Alles gut“, meint er, „passiert nix.“ Wie nett.

Ich kämpfe mit Sportsgeist gegen die Panik und stelle mir vor, wie es hinterher sein wird, dabei gewesen zu sein. Die ersten Beats hämmern, Schlagzeuger Christoph Schneider kennt wirklich kein Erbarmen. Till Lindemann schwebt in Pink und Plüsch von der Bühnendecke zu Boden - und ich überlege kurz, ob die schiere Wucht der Lautstärke schon mal Opfer  gefordert hat - tot durch Bass? Keyboarder Flake Lorenz wird den ganzen Abend vor seinem Instrument in Bewegung bleiben - auf einem Laufband.

Meine Begleitung schiebt mich kurzerhand in eine noch  bessere Position mit Blick auf eine der riesigen LED Wände. Dann ist die Panik überwunden. Seinem fragenden Blick kann ich zuversichtlich entgegen nicken. Ich steh das durch, auch wenn ich kaum noch stehen kann. Ich meine: RAMMSTEIN - FRONT OF STAGE!! Wie groß ist das denn?? „Ich tu Dir weh“ zum Auftakt, es geht Schlag auf Schlag mit „Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen“, über „Keine Lust“, Sehnsucht“ und „Asche zu Asche“ bis zu „Feuer Frei“ (im wahrsten Sinne) und „Mein Teil“, für dessen Bühnendarbietung mir die Worte ausgehen – womit auch immer Lindemann was auch immer durch die Gegend spritzt. Unter anderem „Du riechst so gut“, natürlich das unvermeidliche „Du hast“ und „Bück Dich“ sind dabei.  Die erste Zugabe ist eine wundervolle Pianoversion von „Mein Herz brennt“ und zig Jungs müssen ihre Mädels auf die Schultern heben. Brachialrock, Ironie, literweise Kunstblut, effektvolle Pyrotechnik mit Raketen, Flammenwerfern, hochschießenden Flammenwänden und Feuerregen - was sollte danach noch kommen? Die Funken sprühen, zig tausende Pommesgabeln recken sich gen Himmel. Gegen Ende der Show kommen die Crowdsurfer in immer kürzeren Abständen - meine Begleitung leistet Schwerstarbeit beim Gewichtheben. Ich kann mich nach diversen Tritten gegen Kopf und Nacken nur ducken. Zur zweiten Zugabe kündigt Lindemann einen besonderen „Ehrengast“ an - ich hatte Heino völlig vergessen. Und jetzt gibts den wirklich?! Verloren und unsicher wirkt er auf der Rammsteinbühne. Seine Darbietung von „Sonne“? Bedeutungslos. Die Wackener Metallheads bleiben höflich und applaudieren überwiegend, es gibt vereinzelte Buhs. Rammstein versöhnen zum Abschluss mit „Pussy“.

Schon mit diesem Auftakt hatte das Festival sich selbst in den Schatten gestellt. Wir stapfen zum Zelt, grillen zum Nachtisch Marshmallows und sind - zufrieden. Unsere verlorene Vierte hatte von ihrem Standpunkt aus genauso gute Sicht und trifft wohlbehalten im Zeltlager ein.

Freitag - Sonne

Ich entwickle eine nie gekannte sportliche Flexibilität zur kontaktfreien Nutzung von Dixiklos… Wir haben gelernt: duschen ist kein Heavy Metall. Wir hinteren Beifahrerinnen wagen dennoch eine Dusche im „Duschcamp“ für zwei Euro fünfzig - wie sinnlos. Der Boden ist versifft von verdreckten Schuhen. Es gibt keine Ablage für die mitgebrachten sauberen Klamotten. Wenigstens kann ich mir mit dem eiskalten Wasser den Sand aus den Haaren waschen, den die Crowdsurfer am Vorabend auf mich regnen ließen.

Nachmittags bekomme ich noch etwas mit von Ishan und Pretty Maids (geht so). Wir wollen abends zum nächsten Höhepunkt: Motörhead. Diesmal sind unsere Vierte und ich spät dran. Am Einlass in die Concert Area vor den Bühnen erwartet uns eine Wand aus Menschenmasse.

Ich kapituliere und leide ein wenig unter der Dauersonnenbestrahlung des Tages. Ich bleibe lieber hinten, um von dort aus mit gutem Blick auf die LED-Wand und exzellenter Akustik einer Legende zuzuhören. Meine Leute kann ich später am vereinbarten Treffpunkt nach dem Konzert wieder sehen. Und der 67-jährige Lemmy beginnt, wie er jedes Konzert beginnt seit - wie vielen Jahren eigentlich? "We are Motörhead... and we play Rock 'n' Roll." Und sie legen los unter aufbrausendem Jubel. Auftakt: "I Know How To Die". Nach einigen Songs, ich erkenne "Damage Case" und "Stay Clean", haut Lemmy in die Saiten und verlässt nach diesem Gitarrensolo die Bühne, kommt zunächst zurück. Ich gehe mir ein Wasser besorgen und höre mit einem Mal: nichts mehr. Bin ich am zweiten Festivaltag etwa trotz Ohrstöpsel dem Höllenlärm zum Opfer und gefallen und taub geworden? Nichts zu hören, nichts zu sehen auf der Leinwand.

Ich gehe zum vereinbarten Treffpunkt, denn die Menschenmasse vor der Bühne bewegt sich unaufgeregt zum Ausgang. Kurz drauf bestätigen meine Freunde: Konzertabbruch. Die Hitze und die angeschlagene Gesundheit nach Herzschrittmacher-OP im Frühjahr haben Lemmy Kilmister, einen der einflussreichsten Musiker der Rockgeschichte, zur Aufgabe gezwungen.

Wir grillen am Zelt. Erste Anzeichen von Lagerkoller: Es gibt Missverständnisse und schlechte Laune. Normal, wenn man die ganze Zeit auf engem Raum mit 80.000 anderen und miteinander klar kommen muss. Unsere Vierte sucht einige Minuten die Schuhe, die sie bereits anhat - wir finden: sieht aus wie Hamburg… Die Nacht wird im Innenzelt unerträglich heiß. Mich wundert, dass ich trotzdem hin und wieder einschlafe. Von den Bühnen wummert es herüber, Doro Pesch feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum, gefolgt von Grave Digger - dieser nächtliche Soundtrack wird mir fehlen, wenn wir wieder daheim sind.

Samstag

Am Samstag wollen zwei von uns sich Anthrax und einige andere Acts ansehen, zwei bleiben beim Zelt und wollen nur noch zu Alice Cooper am Abend - danach wird unsere „Wacken Experience“ Geschichte sein, für jeden von uns eine von unseren kleinen Geschichten. Wir kochen ein paar Nudeln, putzen Schuhe, überlegen, die ersten Sachen für die Abfahrt am nächsten Tag zu packen. Der Himmel wird stetig dunkler und irgendwann schüttet es wie aus Kübeln auf das Festivalgelände. Der geringe Wassereinbruch ins Zelt ist zu verkraften. Sobald der Pavillon vor dem Zelt wieder getrocknet ist, wird er verstaut. Und so steht unser Tischchen mit den vier Sitzgelegenheiten zwischen Auto und Zelt ohne Dach da - kein Grill und kein Gaskocher mehr. Auflösungserscheinungen.

Eigentlich wollte ich nichts mehr sehen, aber unseren Fahrer ziehts zu Alice, ich ziehe mit durch den Schlamm. Der erfahrene Wackener trägt Gummistiefel. Ich krempele die Hosenbeine hoch und trage bald Wacken Fango bis zum Knie. Der Schlamm spritzt überall hin und läuft in die Schuhe. Wir weichen denen aus, die uns nach einem Schlammbad umarmen wollen. Nee Danke…

An der „Beergarden Stage“ treffen wir unseren Beifahrer vorne – und auf  Mambo Kurt - „The Orgel Has Landed“! Herrlich albern, respektlos, komisch und sehr unterhaltsam. Aber wir müssen weiter, um rechtzeitig einen guten Platz für Alice Cooper zu besetzen.

Wir stehen entspannt, nicht ganz so eingepfercht wie bei Rammstein. Und sind begeistert. Was für ein Abschluss, was für eine Show.

Die Gruselrockshow und die routinierten Musikerinnen und Musiker kommen gut an, die Pyrotechnik hat durchaus rammsteinsche Ausmaße. Präsentiert wird eine durch choreographierte Rockoper: Cooper wechselt ständig die Klamotten und gelangt in seiner Show von den Lebenden zu den Toten und zurück. Er schleudert Geldnoten ins Publikum zu „Billion Dollar Babies“ und Perlenketten zu „Dirty Diamonds“. Es gibt eine bemerkenswerte Reminiszenz „To my Friends“, wie er sagt. Perfekt in die Show integriert liefert er seine Versionen von: „Break On Through“ für Jim Morrison, „Revolution“, für John Lennon, „Foxy Lady“ für Jimy Hendrix und „My Generation“ für Keith Moon. Für jeden Freund und zu jedem Song sind auf die Bühnenrückwand entsprechende Grabsteine projiziert. Angesichts derer wird mir noch bewusster: Nie hätte ich erwartet, den 65-jährigen Cooper so fit zu erleben, so gut bei Stimme - einfach so gut.  Es geht weiter mit: „I‘m eighteen“ und „Poison“, das nun wirklich jeder mitsingen kann. Die letzte Zugabe ist ein gelungener Mix aus „School‘s out“ und Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ - das passt. Für mich hätte es keinen besseren Abschluss geben können.

Der Weg zurück zum Zelt schafft mich, das linke Fußgelenk schmerzt - matschige, glitschige Wege und Dunkelheit. Ich bin Maulwurf und Schnecke. Dank der Rücksicht meiner Begleiter gelange ich unfallfrei ans Ziel.

Die letzte Nacht im Zelt ist geprägt vom unfassbaren Getöse der Partys überall auf dem Gelände und dem krachenden Lärm von den Bühnen, wo Nightwish und Subway to Sally das Wacken Open Air 2013 ausscheppern lassen. Der Regen am Nachmittag hat für eine dramatische Abkühlung gesorgt. Nach den tropischen Nächten zuvor frieren wir nun. Ein Hoch auf meinen Baumwollrucksack. Nach wenig Schlaf hören wir rundherum Abbauaktivitäten, Zelte werden ausgeschüttelt und knisternd eingerollt, Autos und Motorräder sind auf dem Weg.

Fazit

Wacken ist Wahnsinn auf Weiden. Laut, riesig - schier unüberschaubar. Nur Luftaufnahmen zeigen das gesamte Gelände mit seinen Ausmaßen. Rund 120 Acts, von denen man nur einige wenige wirklich mitmachen kann, 75.000 Besucher und mehr als weitere 5.000 Teilnehmer, die zum Gelingen der Veranstaltung beitragen. Die Bühnentechnik macht Spaß: mindestens zwei Kameramänner fangen Musiker und Publikum ein und bringen die Atmosphäre in gelungener Regie auf die LED-Wände. Auf den Camping Grounds Zelt an Zelt an Zelt. Wacken - das sind sehr nette, freundliche und hilfsbereite Metallheads in bester Laune und im typischen Wacken-Look: knielange Hose, schlammverkrustete Schuhe, schwarzes Shirt mit mal mehr, mal weniger originellen Sprüchen. Oder Wacken-Shirt, halt.

Wacken bedeutet mindestens knöcheltiefer Schlamm auf den Äckern und Pfützen, die nach einem hochsommerlichen Wolkenbruch zu Tümpeln und riesigen Teichen geworden waren. Wacken sind Dixiklos und ein undefinierbarer Gestank von Gülle, Kuhmist, in der Hitze gärendem Dixi-Inhalt, Bier und Imbiss über dem gesamten Gelände.

Wacken ist leider auch ein verantwortungsloser Müllberg, den degenerierte Festivalbesucher anschleppen und den Veranstaltern hinterlassen - ob ganze Zelte oder halbe Pavillons, zig Sofas, Stühle, Schrott, Abfälle einer Campingwoche: alles wird einfach zurück gelassen. Oder vor der Abreise verbrannt, was noch bescheuerter ist. Was ist das für eine Haltung - sollen andere sich um meinen Dreck kümmern, ich reise ja wieder ab und bin für meinen Müll nicht länger verantwortlich?

Wir hinterlassen eine volle Mülltüte und für die Sammler einen Sack PET Pfandflaschen, der einfach nicht mehr ins Auto passt. Heimweg - wie immer sicher und meist links. Beifahrerin hinten rechts schläft, Beifahrer vorne sieht aus wie Hamburg. Er hat den Temperatursturz nicht verkraftet und Halsweh, seine Aktivität weicht wachsender Apathie. Er wird nach unserem Abenteuerkurzurlaub fast zwei Wochen im Büro fehlen. Wir werden tagelang Wäsche waschen. Keine Ahnung, ob ich meine Schuhe sauber bekomme und je wieder anziehen kann. Ich werde sicher kein weiteres Mal beim WOA zelten. Unser Fahrer wird froh sein, den Automatik Mietwagen gegen seinen Golf zu tauschen und wieder „richtig“ Auto zu fahren, und zwar per Gangschaltung in den Urlaub.

PS: Meine Schuhe waren hin. Ein kleiner Preis für die Erinnerungen - unvergleichlich und zudem professionell dokumentiert.  "Wacken - 3D" startete im Juli 2014 in den Kinos - natürlich haben wir ihn gesehen! Die DVD und Blu-ray dazu, "Wacken - der Film" erschien im Dezember 2014. Mag sein, dass die Musik in dieser Dokumentation zu kurz kommt, aber Festivalatmosphäre, der legendäre Kult, die Dynamik der Metallheads und die Treue der Künstler zu den Machern von Wacken werden hingebungsvoll geschildert.

Ein Jahr später, am 28. Dezember 2015, starb Lemmy Kilmister. Motörhead sind Musikgeschichte.

PPS: Wacken 2014 war kurz nach dem Vorverkaufsstart ausverkauft. Wacken 2013 war vorbei und für uns eine unvergessliche Erfahrung. Nur - wessen Idee war das eigentlich, ein Jahr vorher, beim Sommerfest...