Pantry shelf
...wohin man schaut... Foto: Chris Lawton

Getreideabfall, der beim Bierbrauen übrig bleibt? Genau daraus wird Marmite seit 1902 im britischen Burton-on-Trent hergestellt, aus hochkonzentriertem Hefeextrakt. Das bauchige Glas mit der zähen, schwarzbraunen Paste fehlt bei kaum einem englischen Frühstück. Hasser nennen die Creme "Teer im Glas", Liebhaber schmieren sie zum Beispiel dick auf Toastbrotstreifen, die ins Gelbe eines weichgekochten Ei getunkt werden.

Der Geschmack ist kräftig, sehr salzig, etwas bitter mit kaum wahrnehmbarer Süße - im Grunde eine Umamiwucht. In meinen Umfeld kenne ich niemanden, der die Paste essen mag. Ich könnte sie nicht als Brotauftrich essen, schon gar nicht zum Frühstück. Aber ich gehöre trotzdem zu den Liebhabern.

Verantwortlich dafür ist die Kochbuchautorin Anna Del Conte. Im Alter von 24 Jahren floh sie aus Mussolinis Italien als Aupair nach England, wo sie später ihren britischen Ehemann kennenlernte und nie wieder zurück zog in ihr Geburtsland. Stattdessen servierte sie den Engländern die italienische Küchen- und Essphilosophie, brachte ihnen original italienische Kultur nah. Seit den 1970er Jahren sind ihre zahlreichen Kochbücher in England hochgelobt. Über sich selbst sagt sie:

"...worauf ich immer besonders stolz sein werde, ist, dass ich als erster Kochbuchautor authentische italienische Pasta auf den britischen Teller gebracht habe."

In ihren 2009 veröffentlichten Memoiren "Risotto with Nettles" (Brennesselrisotto) gibts ein Rezept für Spaghetti mit Marmite. Sie nennt es nicht einmal "Rezept", weil es so simple ist. Die jüngere britische Kochbuchinstitution, Nigella Lawson, ist eine große Bewunderin und beruft sich bei ihrer Art zu kochen und ihren Rezepten immer wieder auf Del Conte. Die Spaghetti mit Marmite hat sie in eines ihrer eigenen Kochbücher übernommen.

Es ist auch wirklich schlicht: Spaghetti kochen und in einem kleinen Topf oder einer Pfanne Butter schmelzen, Marmite hinzugeben und etwas vom Kochwasser, Nudeln mit dieser Soße überziehen und Parmesan nicht vergessen. Es weckt Erinnerungen an früher, wenn Montags zum großen Essglück etwas von der Bratensoße vom Sonntag übrig war und dazu Nudeln gegessen werden konnten - im Gegensatz zu den langweiligen Klößen oder Salzkartoffeln vom Sonntag. Anna Del Conte hat damit respekt- und liebevoll ihre beiden Kulturen vereint.

Ich setze noch eine Kultur drauf und servier diese Soße zur typisch deutschen Frikadelle.

Bernsteinfarbene Soße, die sich perfekt mit Pasta verbindet - das Rezept gibt's hier

Buon appetito! Enjoy your meal! Maaaahlzeit...

Vielen Dank, Anna Del Conte! Keiner meiner Freunde mag Marmite, aber alle mögen meine Frikadellen mit Nudeln und Soße. Obwohl sie wissen, dass Marmite drin steckt. Möglicherweise liegts auch einfach an dem beträchtlichen Stück Butter...

Ich schmecke auch gerne einfache Suppen mit der zähen Paste ab. Aber vorsichtig, denn sie ist ungleich salziger als jeder Brühwürfel.

Soweit ich weiß, ist leider nur eines von Anna Del Contes wunderbaren Büchern auf Deutsch erschienen: La Cucina Italiana - Wo die Kunst die Küche der Regionen trifft.


Anna Del Contes Bücher im Waterstones Verlag und bei Penguin Books (englisch)

Marmite Web-Auftritt (englisch)


Summer in Venice
Dolce Vita! Foto: Dan Novac