
Über essbare Geschenke, Unterstützung und den Trost, den Mahlzeiten und Süßigkeiten spenden können
Vor vielen Jahren, mein Kater war sehr krank, schrieb eine liebe Kollegin mir eine SMS: Wie es ihm gehen würde, sie drücke die Daumen, dass er bald wieder wohlauf sein würde. Ich rief sie an und bedankte mich, er hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits "geschafft", wie ich es nannte, weil ich nicht gestorben oder tot oder eingeschläfert sagen wollte. Ich wollte nicht, dass die Kollegin sich schlecht fühlte, denn es tat ihr von Herzen leid, dass ich einen Freund, Mäulchen, meinen cremefarbenen Kater mit den Bernsteinaugen, verloren hatte. Er war 16 Jahre alt geworden und war mir elf davon die beste Gesellschaft gewesen. Am Ende versagten seine Nieren.
Es war ein Freitag, an dem ich frei hatte. Nach dem Wochenende war ich wieder im Büro. Die Kollegin, mit der ich telefoniert hatte, hatte mir ein kleines, handgemaltes Kärtchen mit lieben Beileidsbekundungen auf den Schreibtisch gelegt. Eine andere Kollegin, selbst Katzenbesitzerin, nahm mich kurz fest in die Arme. Wieder eine andere Kollegin kam vorbei und schenkte mir ein Schächtelchen einer bestimmten Pralinensorte, die ich damals sehr mochte. So viel Trost, auch mit Schokolade. Dann luden sie mich noch in der Kantine zu Spaghetti mit Tomatensoße ein. Sie überhäuften mich mit Freundlichkeit, Zuneigung und Essen, als wären sie besorgt, dass nach dem Verlust mein Appetit hätte abhanden kommen können.
Essen hat bei vielen Lebensereignissen eine so große Bedeutung, den guten wie den traurigen. Es kann Trost und Unterstützung sein, wie ich durch die damaligen Kolleginnen erlebte. Es kann praktische Hilfe sein, wenn ich für die grippekranke, ältere Nachbarin eine Suppe koche und in drei mikrowellengeeignete Behälter fülle, damit sie versorgt ist und bald wieder auf die Beine kommt. Es kann auch einfach ein liebevoll belegtes Brot sein, von dem die Freundin kleine Bissen aus einer Hand essen kann, während die andere das tränennasse Taschentuch zusammendrückt. Auch eine ganz besondere Stulle hilft. Oder die zwei Tage lang zubereitete, große Menge Kartoffelsalat, die in einer riesigen Schüssel zum gemeinsamen Grillabend angeschleppt wird. Lasst ihn Euch schmecken!
Selbst zubereitete Speisen zeigen Menschen, wie sehr wir sie lieben. Dass sie wichtig sind und in unserem Leben Bedeutung haben. Oder wir helfen ihnen dabei, selbst hinzubekommen, was zuvor schief ging. Gegen die Verzweiflung des gescheiterten Wendeversuchs einer Tortilla, hab ich für einen dieser für mich wichtigen Menschen das Rezept für eine Tortilla aufgeschrieben, die ohne Wenden unfallfrei gegart werden kann.
Als der Sohn eines Freundes geboren wurde, versorgte ich die frischgebackenen Eltern mit Zitronen-Muffins, ein Rezept, das ich mir extra für ihn ausgedacht hab. Backen ist, nicht nur nach alter Margarinewerbung, Liebe. Herzhafte Muffins ließ ich mir zur Büroabschiedsfeier einer Kollegin einfallen.
Nachdem meine Mutter im Alter von 94 Jahren verstorben war, empfand ich keine Trauer, keinen Abschiedsschmerz. Bedauerlicherweise war sie der boshafteste und schwierigste Mensch, der mir im Leben je begegnet ist. Sie lebte bis zum Ende in einer viel zu großen Wohnung und hatte fast 20 Jahre lang eine Betreuerin, M., die sich um alles kümmerte, was ich nie hätte übernehmen können für diese Frau. M. wusste umzugehen mit den niederträchtigen Ausfällen und boshaften Attacken der Alten. Ich bin ihr immer dankbar.
Den Haushalt zu entrümpeln war eine Kraftanstrengung. Das wusste M. nur zu gut. So holte sie mich am Bahnhof ab und hatte einen Plan. Sie weiß, wie gern ich Schnitzel esse, also gingen wir erstmal essen. Schnitzel, Bratkartoffeln, etwas Salat. Seelennahrung und Stärkung für all die Kartons, die wir packen würden und Unterstützung für die Reise in meine Vergangenheit und Kindheit.
Meine Mutter hat meinen Wunsch, Journalistin zu werden, nie unterstützt. Aber alle Artikel von mir, alles, was ich je geschrieben und veröffentlicht hatte, hatte sie offenbar aufgehoben. Im Nachhinein war ich selbst überrascht, wie viel ich damals in der Lokalzeitung erst im Sportressort, dann als feste freie Mitarbeiterin einer Lokalredaktion im Bergischen Land veröffentlicht hatte. Und dass ich all diese Artikel und Reportagen in ihren Schränken fand.
Mit alten Familienfotos reisten wir zwischen all den Kartons und dem Gerümpel in die Zeit vor dem Tod meines Vaters im Jahr 1970 und in die Zeit danach, als wir mehrfach Verwandte meines Vaters in der DDR besuchten. Und doch war es am Ende gut. Mit dem letzten zugeklebten Karton und einem letzten Blick in die Wohnung, die anschließend leergeräumt werden würde, endete auch die schwierige und oft belastende Nichtbeziehung zu meiner Familie. Und wieder gingen M. und ich essen - diesmal zur Belohnung nach zwei Tagen anstrengender Arbeit.
Ob mit Hingabe für andere zubereitet, miteinander geteilt oder einfach, weil es eine Leibspeise ist: Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es unterstützt uns, vermittelt Zuneigung und stärkt unseren Zusammenhalt. Genießen wir all das bei jeder Gelegenheit. Denn verpasste Gelegenheiten sind Vergangenheit und erreichen uns in der Gegenwart und zukünftig nie wieder.